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Die Corona-Perspektive

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… habe ich leider nicht. Außer natürlich das gute alte Händewaschen und die Nies-Etikette. Aber das dürfte inzwischen der letzte Schmuddelbär gehört haben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob dieser Post eine Pointe haben wird.

Was ich anbieten kann sind ein paar Gedanken und Beobachtungen – als Vater, als Personalchef und als Unternehmer. Das sind die 3 Welten, in denen ich aktiv bin. Oder war. Oder wieder sein werde. Hopefully. Und als „Grenzlander“ hier 1,5 km entfernt von der österreichischen Grenze im Inntal. Dort, wo nun alle zwangsgeräumten Skiurlauber aus Tirol und alle Italienurlauber aus Mittel- und Nordeuropa durchgefahren sind.

Das Ganze läuft ja irgendwie ab wie in einem Katastrophenfilm. Nur in Zeitlupe. Man sitzt da, checkt alle seriösen und unseriösen Quellen online. Schielt nach China. Nach Italien und nach Österreich. Und irgendwie hat man ständig das Gefühl, dass die Nachrichten von dort ein paar Tage zeitversetzt auch hier Wahrheit werden. Und die Maßnahmen und Entwicklungen immer skurriler werden.

Noch vor ein paar Tagen wurde ich von Kollegen teilweise belächelt oder zumindest in angeregte Diskussionen verwickelt, als mein Team und ich beschlossen haben, keine Vorstellungsgespräche mehr live zu machen, sondern auf Video-Call umzustellen. Da kam das noch übertrieben und hysterisch vor. Wie lange wir denn das durchziehen wollen, hat mich mein Chef gefragt. Als wir am Donnerstag dann Homeoffice verkündeten waren Vorstellungsgespräche auf einmal nicht mehr das Thema. Vielmehr lag eine Mischung aus Furcht, Neugierde, Sorge und natürlich auch Skepsis in der Luft. Tja und nun sitzen wir alle zu Hause an unseren Esstischen und skypen, zoomen und slacken uns zusammen. Freitag war es in der Tat ein etwas komisches Gefühl, sich von den Kollegen und dem Team zu verabschieden. Was sagt man in so einer Situation? „Bis dann?“ „Bleib gesund?“ „Wir sehen uns?“ Stimmt das? Wann eigentlich? Ich empfand etwas Wehmut. Wie lange werden wir uns in der bekannten Form als großartiges und eingespieltes Team wohl nicht mehr treffen können? Lebt Personalarbeit nicht auch zu einem großen Teil von persönlichen Dialogen? Noch vor ein paar Monaten habe ich in einem Management Board etwas überheblich ein flammendes Statement abgegeben, dass man per „Skype only“ kein Personal auswählen kann, ohne schwere personaldiagnostische Fehler in Kauf zu nehmen. Und jetzt ist steuern wir ein ganzes Unternehmen online…Die Belegschaft reagiert souverän. Eine Mischung aus Schullandheim-Stimmung (haben jetzt einen Slack-Channel #homeofficelookalike. Erinnert mich an das erste Skilager, bei dem man gesehen hat, wer welchen Schlafanzug trägt.) Die meisten Teams arbeiten so gut es geht. Teils sogar abgestimmter als vorher kommt mir vor. Wenn man das nach 2 Tagen schon sagen kann. Manche Mitarbeiter sind verunsichert. Menschen in der Probezeit. Oder von Kurzarbeit betroffene. Oder Eingestellte, die noch nicht da sind. Wir versuchen Sicherheit und Gewissheit zu geben, so gut das geht. Eine Kristallkugel hat ja keiner von uns. Schickt mir doch mein Chef vorhin eine Präsi von einer renommierten Strategieberatung. Die rechnen Szenarien von 12 Monaten. 12 Monate? Das ist kaum verstellbar aus heutiger Sicht. Allerdings war das, was heute passiert vor 12 Tagen auch noch nicht vorstellbar. Ich erinnere mich an den Jahrtausendwechsel. Wir hatten bei Siemens kilometerweise Endlospapier mit Mitarbeiterdaten aus dem Rechenzentrum bedruckt, weil wir vom totalen IT-Crash ausgingen. Wir hatten natürlich keinen Plan, wie wir diese irren Datenmassen wieder erfasst hätten, wenn es nötig gewesen wäre. Und privat haben wir natürlich – wie fast jeder andere – die Badewanne mit Wasser gefüllt. Nur für den Fall, dass das Wasserwerk abschmiert…

Andere unserer Mitarbeiter sind noch immer nicht ganz angekommen. Kommt einem vor wie Realitätsverweigerung. Fragen zu Details oder Nichtigkeiten, die man nicht ernst nehmen kann und einem teilweise sogar das höfliche Abwiegeln schwerfällt. Eben diskutierte ich mit einem Mitarbeiter, der es als sehr unsozial empfindet, dass ich seinen Antrag auf Urlaubsstorno nicht angenommen habe. Er könne jetzt seinen Urlaub nicht genießen. Lieber später im Jahr. Oder in 2021. Wie jeder natürlich. Mein CFO versucht gerade Geld aufzutreiben und die Vorstellung von übervollen Urlaubskonten zum Jahreswechsel schrecken ihn. Unternehmerisch verständlich, wie ich finde. Das versteht der Mitarbeiter natürlich nur halb. Ihm geht es um seine Perspektive. Die kann ich nachvollziehen. Heimlich bin ich erleichtert, dass ich noch keinen Urlaub gebucht habe (meine Frau und ich sind chronisch zu spät dran bei sowas). Wünsche dem Mitarbeiter von Herzen (aber stillschweigend) dass die entgangene Urlaubsfreude das ärgerlichste für ihn in 2020 sein wird.

Klar. Als Coach weiß ich, dass jeder anders auf Veränderung und Krisen reagiert.- Auch Verweigerung und Nichtwahrhaben sind normal. Und jeder braucht seine Zeit. Damit dann live in Form von ichbezogenen und nichtigen Fragen konfrontiert zu sein, während man sein Bestes gibt, um von allen Schaden abzuwenden, fordert schon eine große Portion Selbststeuerung, um authentisch, aber nicht unprofessionell zu reagieren. Das wiederum geht im Homeoffice mit digitalem Abstand definitiv besser als im one to one.

Und dann sind da diese 3 jungen Menschen. 16, 14 und 9. Mit 16 ist man schwer zu überzeugen, warum man jetzt nicht auf eine Überraschungsparty für einen aus Amerika ausgewiesenen Schulaustausch-Rückkehrer gehen darf. Man ist ja so jung und unverwundbar von Corona. Fair point für 16. Und mit 14 hat man einen Grund, endlich den ganzen Tag vor dem Handy zu sitzen. Offiziell natürlich, um in der Schul-App Hausaufgaben zu machen. Klar. Da läuft mit Sicherheit 14 Stunden Schul-Content.

Die Kleine ist ganz begeistert. Mehr Ferien. Mehr Familie. Alles unheimlich aufregend. Und das Wetter passt auch. Die Hamsterkäufe hier in Grenznähe waren etwas schockierend für sie. Höre von anderen Kindern, die richtig Panik und Angst haben. Das bleibt meinen Kindern bisher zum Glück erspart.

Meine Frau hat 2 Tage versucht, irgendwie zu arbeiten. Das Unternehmen ist auf Homeoffice nicht vorbereitet. 30 VPN Zugänge für 600 Mitarbeiter. Nun ja. Jetzt ist es zu spät. Laptops sind vergriffen. Was bedeutet das für das Unternehmen? Und für meine Frau? Nichts? Alles? Oder irgendwas dazwischen? Und was bedeutet das für unser eingespieltes Konstrukt als Doppelverdiener-Elternpaar?

Als nebenberuflicher systemischer Coach und Sport-Coach ist mein Business natürlich im Moment am Ende. Keiner macht nun Team- oder Persönlichkeitsentwicklung. Verständlich. Ich selbst hätte im Moment auch keine Lust auf Kundenkontakt. Warme und verständnisvolle Absagen, die auf ein „danach holen wir es nach“ vertrösten. Wie geht man damit um? Aussitzen? Irgendwas Alternatives aus dem Hut zaubern? Eine Online-Akademie? Gibt es da nicht schon Angebote wie Sand am Meer? Krise als Chance sehen? Was bedeutet das überhaupt in so einem Fall, wo man nicht mal weiß, ob der Begriff Krise zu groß oder zu klein gewählt ist. Da fällt mir der CEO von Axel Springer hy GmbH wieder ein, der vor 2 Tagen sehr trefflich geschrieben hat, wie wichtig es ist, aus der Schockstarre wieder ans Steuerrad zu kriechen. Hilft ja nix.

Und dann bin ich ein wenig demütig und schäme mich auch ein wenig für die düsteren Gedanken. Da sitze ich in einem der reichsten Länder der Erde, mit einer der stabilsten Demokratien, die man sich derzeit wünschen kann. In einer tollen Region, in der man gut vorbereitet ist. Finanziell haben wir vorgesorgt. Häuschen mit Garten usw.. Kinder aus dem kritischen Alter raus. Meine Frau und ich noch nicht im kritischen Alter drin. Meine Familie ist stabil, wenn es darauf ankommt sind alle zu hundert Prozent zuverlässig. Meine Frau ist eine tolle Weggefährtin, mit der ich schon manch kritische Schlacht geschlagen habe. Mein Arbeitgeber ist solide aufgestellt. Und mein Staat hat mehr, um mich zu stützen, als so viele andere Länder. Was würden wohl ein paar tausende Flüchtlinge etwas weiter südlich dafür geben, mit mir zu tauschen? Vermutlich nahezu alles. Oder die Nachbarin, deren Mutter sich gerade durch eine Chemotherapie kämpfen muss. Wahnsinn. Das sind echte Unsicherheiten. Oder meine Mutter: Die rief eben an, um von ihrer Sorge zu berichten: Ob der Friseurtermin nächste Woche wohl stattfindet. Schließlich muss man sich – Krise hin oder her – ja schön fühlen. Manches bleibt krisenunabhängig und stabil. Die Prioritäten meiner Mutter zum Beispiel.

Wie ende ich nun diesen kleinen Streifzug durch meine Gedanken? Als Boxsportler vielleicht mit einem Bild aus dem Kampfsport? Als Boxer würde man vielleicht sagen, dass man sich seinen Gegner im Ring nicht immer aussuchen kann. Man kann sich vorbereiten und trainieren. Aber wenn die Phase vorbei ist und wenn es dann letztendlich um den Wettkampf geht, zählt es nur, präsent zu sein. Situationen schnell einzuschätzen und schnell auf Änderungen zu reagieren. Dennoch ein Ziel zu haben, für das sich der Kampf auch lohnt. Rückschläge schnell wegzustecken und dann – wenn auch mit angepasster Taktik- wieder anzugreifen. Echte Gegenwart, echte Präsenz. Ich finde, das reicht als guter Abschluss für den Post – zumal ich ja eigentlich keine Pointe versprochen hatte 😊

Ist etwas länger geworden, als übliche Artikel hier – aber was soll´s. So wie es aussieht haben wir alle ja einige Tage reichlich Zeit zum Lesen 😉

In diesem Sinne – Liebe Grüße aus dem Homeoffice tief aus dem bayrischen Süden.